Nr. 2: Italien

Jochen Distelmeyer fragt “Wohin mit dem Hass?” und ich versuche mich an zehn Antworten. Teil zwei: Italien.

Wer Anfang der 1970er als Linke_r einen Mittelmeer-Urlaub machen wollte, hatte es schwer: Alle Mittelmeerländer Europas waren von Diktaturen besetzt (Portugal: Caetano, Spanien: Franco, Griechenland: Papadopoulos, Jugoslawien: Tito, Albanien: Hoxha, Frankreich: Pompidou und jetzt erzählt mir nicht, Enver Hoxha wäre kein Diktator gewesen). Alle Mittelmeerländer? Nein, in Italien sorgte der Christ Aldo Moro für entspannte Kompromisse mit den “Kommunist_innen” und ist Grund genug für tausende Linke aus Deutschland, zum zweiten Mal in der Geschichte in der Toskana deutsche Außenposten einzurichten und das Land mit sich zu verheeren. Das hat sich bis heute nicht geändert, nur dass inzwischen aus allen vormals klerikalfaschistisch, militärdiktatorisch und pseudodemokratisch beherrschten Ländern Staaten wie aus einem Kinderbuch von UNICEF geworden sind und Italien das ist, was es ist: Ein Haufen Scheiße. Eigentlich könnte ich der in Nr. 1 begonnenen Tradition der personalisierten Kritik folgen und hier Berlusconi zum Hassobjekt machen, aber der Souverän hat entschieden und übernimmt somit die volle Verantwortung für die viermalige Wahl des größten Schweins Italiens in 20 Jahren.

Keine Frage, Italiens politische Klasse sollte man besser heute als morgen zum Teufel jagen und wenn man sich das nicht zutraut sollte man diejenigen wählen, die zumindest noch ganz witzig sind. Aber auch 50 Jahre deutsche Propaganda über die “südländische Lebensfreude” können mich nicht glauben machen, dass es sich bei Berlusconis Wahlerfolgen um einen schelmischen Witz der Italiener_innen handelt. Sei es ein totgeschlagener Afro-Italiener, antiziganistische “Säuberungen“, Islamophobie und ein verprügelter Chinese etc. – Berlusconis Italien ist kein Scherz sondern bittere Realität, für das sich Italien offensichtlich immer wieder entscheidet. Sicher, die Wahlbeteiligung sinkt beständig. Wer aber angesichts der protofaschistischen Rhetorik, die Bürgerwehren mit dem Argument des Schutzes vor dem Volkszorn einführt und Ausländer_innenquoten und -klassen in Schulen, den Arsch nicht hoch kriegt sondern dem einer, der Richter kauft, mit Mafia und Nazis paktiert, die Grenzen dichtmacht, Rassismus predigt, sowas macht genauso (un)lieb ist wie jede_r andere Scheißpolitiker_in: Der darf sich selbstverständlich auch nichtwählend gehasst fühlen. Nein nein, jedem Volk seine Regierung. Scheißitalien. Und Rosarno ist nur ein Beispiel dafür.

PS: Ja, hier in Deutschland sind auch alle doof.

Januar 10, 2010

5 Kommentare

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Ha!

Endlich hab ich es auch mal auf deine neue HP geschafft, gefällt, gefällt kann ich da nur sagen.
Bis auf, dass die Reihenfolge der Beiträge nochmal geändert werden müsste. Deine Nr. 1 kommt vor dem Artikel “wohin mit dem Hass” :)

Ansonsten rangieren linke StudentInnen bei mir auch ziemlich weit oben in meiner Wen-hasse-ich-2009-Liste.

John Gotti — 11.01.2010, 01:45 Link auf diesen Kommentar

erst hab ich mir gedacht: spanien, immernoch die flagge der faschisten, regelmäßige foltervorwürfe, immer wieder von der “francowarschonganzok”-clique regiert, jugoslawien zerfetzt und vermutlich politisch zu großen teilen düsterer als titos arbeitszimmer, rosa spinnt.
aber dann hab ich mir gedacht: weltgeist, du kennst keine unicef-kinderbücher. vielleicht handeln die ja genau davon, so von traumaverarbeitung für flüchtlingskinder oder so.

weltgeist — 11.01.2010, 14:55 Link auf diesen Kommentar

PPS: Ja, in Spanien sind auch alle doof.
Und dass ich das Tito-Jugoslawien für nicht bereisenswert befunden hätte, hab ich ja nicht geschrieben.

vielleicht auch nur, weil ich von Spanien einen anderen Ausschnitt kenne als von Italien und weil Rosarno zugegeben mehr als nur ein Beispiel sondern Anlass hierfür war, steht bei mir Italien noch hoffnungsloser und hassenswerter da als Spanien. Aber natürlich darf noch viel mehr scheiße gefunden werden.

rosa — 11.01.2010, 19:03 Link auf diesen Kommentar

Zu UNICEF: ich glaube das hier hab ich als kind zu lesen bekommen. und nun lass mir doch die ironie, bist doch sonst nicht so..

rosa — 11.01.2010, 19:05 Link auf diesen Kommentar

oh gott, das erklärt einiges. aber genug geflachst – ich lass dir doch deine ironie, nur italien hassen, das fällt mir schwer, nach der wm ’06 und der erfindung der saltimbocas. übrigens sind auch in deutschland nicht alle doof. dich zum beispiel find ich ziemlich ok.

weltgeist — 12.01.2010, 10:41 Link auf diesen Kommentar

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