Nr. 1: Ingrid Schmidt

Jochen Distelmeyer fragt “Wohin mit dem Hass?” und ich versuche mich an zehn Antworten. Teil eins: Ingrid Schmidt.

Ingrid Schmidt

2009 war das große Jahr der Kündigungen wegen “Bagatelledelikten”. “Emmely“, die nach 31 Jahren an der Kasse von Kaiser’s wegen eines Pfandbons (Wert: 1,30€) gekündigt wurde, ist das bekannteste Beispiel. Frikadellenfutternde Sekretärinnen, Maultaschen-mitnehmende Pflegerinnen, Quark-essende Bäcker – die Liste ist lang. In der Arbeitsteilung der Kapitalherrschaft ist die Politik für Gesetze verantwortlich, u.a. Arbeitsrichter_innen führen es dann aus. Soweit so schlimm der stumme Zwang der Verhältnisse.

Ingrid Schmidt ist Präsidentin des Bundesarbeitsgerichtes. Eine ganz normale Kämpferin im Klassenkampf von oben, bis hierhin. Nun hat sie sich in einem Interview mit der Süddeutschen vom 29.12.2009 zu ebendiesen Bagatelldelikten geäußert und – surprise – verteidigt ihre kleineren Kolleg_innen nach Kräften. Das ist Corpsgeist, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Aber auch zur angebrachten Haltung der Lohnabhängigen zu ihren Brotgeber_innen äußert sich die Frau: “Ein Arbeitgeber erwartet, dass ein Arbeitnehmer das Interesse des Unternehmens mitdenkt.” Und in völliger Verkennung der Sachlage: “Jeder frage sich mal, wie viel er sich denn aus der eigenen Tasche nehmen lassen würde, bevor er reagiert.” Da ist völlig folgerichtig, dass mit Marie Antoinette’scher Ahnungslosigkeit gefragt wird: “Wie kommt man eigentlich dazu, ungefragt Maultaschen mitzunehmen? Oder eine Klorolle, oder stapelweise Papier aus dem Büro? Warum solche Eigenmächtigkeiten? Das hat etwas mit fehlendem Anstand zu tun”. Oder mit zuwenig Geld, Frau Schmidt. Und nicht für ihren Scheißjob bekommt sie von mir hiermit die Nummer Eins verliehen, sondern für exemplarische Arschlöchrigkeit, für bourgoisen Katechismus, der fordert, dass die Leute ihre Ausbeutung mit “Anstand” hinnehmen, als sich zu nehmen, was anders nicht zu beschaffen ist. Ingrid Schmidt trägt ihren bescheidenen Teil zur Durchsetzung der Kapitalherrschaft bei. Ich sage: Man soll seinen Gegner_innen nicht vorwerfen, solche zu sein. Aber das Menscheln, das Moralisieren, das Geschwätz von “Anstand” und das Geschwätz über meine Tasche, in die eben keine Kassiererinnen und Backerlehrlinge, sondern das Kapital greift, das sollte da bleiben, wo es hingehört: In den Kirchen und in der Politik.

Januar 3, 2010

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[...] Immer nur fragen bringt nix, man muss auch Antworten hinkriegen. Und derer zehn gibt’s von mir, eine jede Woche. Den Anfang macht: Ingrid Schmidt. [...]

Wohin mit dem Hass? | Rosa Rauschen — 03.01.2010, 00:23 Link auf diesen Kommentar

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